Uraufführung: Adriana Hölszkys Bachmann-Oper in Schwetzingen Wohl zum ersten Mal steppen zwei Eichhörnchen über eine Musiktheaterbühne. Sie heißen Billy und Frankie, und sie sind die Mordgehilfen für den "guten Gott", den Ingeborg Bachmann in ihrem Hörspiel von 1957 vor einen überzeitlichen Richter treten ließ. Mit Hilfe einer Höllenmaschine jagen sie im 57. Stock eines New Yorker Hochhauses ein Paar in die Luft, weil es sich zu leidenschaftlich liebte. Denn gemäß seinem Glaubenbekenntnis ist sich dieser "gute Gott" sicher, "dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien".
Das ist existenzialistisch angehauchtes Pathos der frühen Sechziger, angesiedelt in einem New York, das noch immer fremd betrachtet wird wie einst von Brecht die Netzestadt Mahagonny. Die so stille und doch so explosive Komponistin Adriana Hölszky hat schon giftmörderische Hausfrauen ("Bremer Freiheit") und algerische Jungs mit Blumen im Hintern ("Die Wände") gekonnt musikalisiert. Und sie liebt die Bachmann, hat schon einige ihrer Gedichte vertont.
In ihrer jüngsten Oper "Der gute Gott von Manhattan" hat sie die von Yona Kim wohltuend gestraffte Vorlage erneut in typische Hölszky-Klangsprache verwandelt. Sie komponiert wie Dr. Erika Fuchs, die kongeniale Übersetzerin der Disney-Bilderfolgen, die Wörter lautmalerisch erfand: respektlos, treffend, überzeichnet. Da macht es dauernd "Scratch!", "Knarz!", "Wimmer, wimmer!", "Zoing!", "Plong!", "Doing, doing!", "Rrrring" im ausgesucht grotesken Instrumentarium des 48-köpfigen SWR-Orchesters Stuttgart; mit viel Holz, wenig Streichern, einigem Schlagwerk sowie Alphorn, Akkordeon, Cembalo, Zimbal, Saxophon, Mundharmonika, Gitarre, verteilt über den Orchestergraben und den zweiten Rang; von Alexander Winterson straff zusammengehalten. Ab und an scheinen auch ein paar Nüsschen zu knirschen. Meist nacheinander, selten zusammen. Eine durchhörbar schrille Comic-Operette, mit rhythmisch gesprochenem, selten zu ariosem Gesang sich steigernden Text. Virtuos ist das, witzig, aber auch ein wenig ermüdend in seiner raffinierten Gleichförmigkeit.
Etwas fade wirkt dieser "Gute Gott" auch, weil Stephan Kimmig in seiner ersten Opernregie brav und vorhersehbar inszeniert. In Anja Rabes aseptischer Installation mit Blechwänden und einem schwebenden Design-Hotelzimmer kommen sich Andreas Scheibner (der korrekte Jan, der überlebt) und Ann-Katrin Neidu (Jennifer) als sehr heutiges abgeklärtes Liebespaar in einer pragmatischen Amour fou schnell näher. Die kommentierende Stimme der Bachmann ist hier ein achtköpfiger Chor. Abweichungen gestattet sich Kimmig nur bei den koloraturenschlagenden Eichhörnchen (Birgit Fandrey, Anja Maria Kaftan) sowie beim Guten Gott selbst, den Daniel Gloger gekonnt ins höchste Falsett jagt. Bachmann wieder belebt, brauchen wir das? So recht konnten das weder Musik noch Szene beantworten.
Artikel erschienen am 21. Mai 2004 |
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