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Kultur

Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 21.05.2004

 


Fiepen und Quieken in der Großstadt
 
Uraufführung in Schwetzingen: Adriana Hölszkys Musiktheaterstück "Der gute Gott von Manhattan" nach Ingeborg Bachmann
 
Von Götz Thieme
 
New York. Die Fassade beschrieb der große Alfred Kerr 1922: "Am Abend jetzt millionenfache Lockung von Glühfarben. Rotes, Silberndes, Blitzblaues schreit, kreischt, rast, winkt, zuckt, lacht, symphont, sprießt, stirbt, flimmert, neckt (alle Gleichnisse gehen hier durcheinander), schielt, blinkt, funkt, blitzt, stockt, braust, züngelt, pfeift. Licht kann trillern . . . Eine Blendflut mit Crescendosternen, Leuchtmagien, Strahlwundern, Wolkenfeuern (Wo nehmen sie das Geld her!)."

Die Dichterin Ingeborg Bachmann hat in die Seele der Metropole geschaut. Die Stadt als Sinnbild des Lebens, der Jugend, der Liebe. 1958 schrieb sie ihr Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan", aber das Sujet bemäntelt wie meist bei Bachmann den Grundton einer Verstörung. Es ist die Verstörung einer 1926 Geborenen, die weiß, dass große (Welt-)Kriege oder kleine (Liebes-)Kriege die Herzen der Menschen verheeren. Ihre Lovestory von Jan und Jennifer ist eine Geschichte vom Scheitern - das letzte Wort des Hörspiels ist "Schweigen".

Adriana Hölszky, die 1953 geborene rumäniendeutsche Komponistin, hat sich auf die Spur des bachmannschen Schweigens gemacht und ein recht lautes Musiktheater nach dem Hörspiel für die Schwetzinger Festspiele komponiert, eine Koproduktion mit der Sächsischen Staatsoper Dresden, welche die Aufführung aus dem kleinen Rokokotheater in die vielfach größere Semperoper im Juni 2005 übernehmen wird.

In Zeiten des propagierten Todes der Literaturoper, des psychologischen Musiktheaters hält Hölszky weiterhin an Sujets fest, sie hat Rainer Werner Fassbinders "Bremer Freiheit", Genets "Wänden" Klänge gegeben. Zuletzt, in Stuttgart vor vier Jahren mit Hans Neuenfels als Autor und Regisseur, der Hölszky eine "Schwester Mozarts" nennt, hat sie in "Giuseppe e Sylvia" Verdi und Plath auf die Bühne gebracht. Dies, obwohl - natürlich wie immer in solchen Fällen der Textbedienung - "die äußere Geschichte uninteressant, austauschbar ist", wie Hölszky mit Bezug auf Bachmann meint.

Der Komponistin zu attestieren, sie verstehe ihr Handwerk, gleicht dem Lob, Maria Callas, die von Ingeborg Bachmann verehrte Tragödin, sei eine große Sängerin gewesen. Aber wie man von der Callas keine Schubertlieder hätte hören wollen, fragt man sich zunehmend, ob die brillante Hölszky Opern komponieren sollte. Es klingelt, faucht, kratzt, wabert, schmatzt, pumpt, hustet, schnalzt und wimmert, es tubatönt, cembaloklimpert, alphornhupt und akkordeonklagt im 48-köpfigen Orchester, dass es eine Lust ist. Dann aber: Adriana Hölszky will keinen Text vertonen, "im Gegenteil, der Text wird in meine Musik so integriert, dass man ihn als eigene Substanz gar nicht mehr wahrnimmt, sondern nur seine Energien". Kerr hätte jetzt sein berühmtes "Uäh!" gesetzt. Doch dann hört man klar und deutlich, singen Jan und Jennifer in Zickzacklinie frei tonal: "Im siebten Stock haben wir ein Zimmer" oder "Bist du traurig?", dass es ein Frust ist. Warum singen sie? Der Ton der Uneigentlichkeit wirkt hier nicht produktiv, sondern peinigend. Sie könnten auch sprechen wie der gute Gott in der vierten Szene des zweiten Aktes - und es wäre gut. Der von Yona Kim eingestrichene und eingerichtete Bachmann-Text erlegt dem Musiker ein nicht lösbares Problem auf. Er selbst ist dicht gewoben, von starkem Rhythmus und poetischer Musikalität. Wie da eine Lücke finden, in die hinein sich komponieren lässt? Merkwürdig wenig interessiert Hölszky sich für dieses Paar, Jan und Jennifer, die sich zufällig begegnen, zusammenbleiben, eine, zwei, drei Nächte miteinander verbringen, bald der ewigen, der großen Liebe am Haken hängen, die, je näher sie sich rücken, umso fremder die Kälte des Ichs verspüren.

Bei Bachmann pulst in ihnen die Revolution gegen die Ordnung, und weil sie aus dem Leben herausfallen, beschließt der gute Gott, "die Liebenden gerechterweise in die Luft fliegen zu lassen". Bei Hölszky und in der Inszenierung der Uraufführung durch Stephan Kimmig sind sie von seltsam gehemmter Diesseitig- und Geheimnislosigkeit, unkörperlicher Lustfaulheit.

Mag sein, dass Bachmanns durch die Musik krummgebogene Innerlichkeitsdialoge die Sänger Andreas Scheibner und Ann-Katrin Naidu als Darsteller verklemmten. Kimmigs inszenierter Ausweis von Zeitgenossenschaft mit Videokameragefummel und Schicklook hilft wenig weiter - kurz vor Schluss, dankbar stellte man gerade fest, es geht auch ohne Klamotten mit Adidas-Streifen, kommen die acht Choristen im Sportdress aus Klokabinen, die sich unter dem zentralen Spielort, einem kalt-modernen Hotelzimmer, befindet (Bühne und Kostüme: Anja Rabes), und beginnen mit Dehnübungen.

Aus Bachmanns Stimmen, "monoton und geschlechtslos", die das Hörspiel interpunktieren, schlägt die Komponistin chorisch das Feuer, das den Liebenden fehlt: sie rappen, heulen wie Indianer mit der Hand vorm Mund, stampfen, klatschen, machen den Backgroundchor für einen teuflisch-sinistren guten Gott von jener Kraft, die in Verdrehung des Originals hier das Gute will und stets das Böse schafft.

Adriana Hölszky hat dem fulminanten Daniel Gloger von den Stuttgarter Neuen Vocalsolisten in die Countertenorkehle geschaut und Fünfoktaven-Gold entdeckt, sein irrwitziges Solo im zweiten Akt bringt einen expressiven Ton ins Spiel, der vorher fehlt. Wie Gloger Jennifer den Bombenkoffer ins Hotelzimmer stellt, ihr zarthart über das Haar streicht, sein Bein an ihrem Schenkel streicht, das ist von scharfer Geschlechterspannung. Dagegen ist das Fiepen und Quieken seiner Bösehelfer, der beiden uniformierten Eichhörnchen Billy und Frankie (Birgit Fandrey und Anja Maria Kaftan geben ihre letzten hohen Töne), von weniger verstörender Absurdität als in der Vorlage.

Die neunzigminütige, komplex notierte Partitur schnurrte wie selbstverständlich ab, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, nicht nur im Graben, auch im zweiten Rang postiert, wurde von Alexander Winterson dirigiert, und die Schlagzeuger bewiesen erstaunliche vokale Qualitäten; ein Erfolg auf der ganzen Linie, besonders für Adriana Hölszky, deren musikalische Fantasie - der im Raum kreiselnde Klang, das Instrumental- und Vokalgewitter, der umhüllte Einzelton - zu bewundern war. Der ingeborg-bachmannsche Textrest war Lärmen.

Eine weitere Aufführung heute
 
21.05.2004 - aktualisiert: 21.05.2004, 06:16 Uhr

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